Ralle unter Verdacht

Gestern war ich einkaufen, und als ich so durch den Supermarkt schlich auf der Suche nach Abschminktüchern und ‘nem Pfund gemischten Hackfleischs wusste ich noch nicht, dass ich nur kurze Zeit später eines widerlichen Verbrechens bezichtigt werden sollte.

Ich streifte wie gesagt durch die Regale und pirschte mich gerade rücklings an zwei ahnungslose Stengel Sellerie heran, als ich plötzlich aus dem Gang nebenan ein Kind weinen hörte. Natürlich dachte ich mir nichts weiter dabei – passiert’s doch öfter mal, dass sich irgendwelche Eltern erdreisten, ihren Sprösslingen NICHT die neue Gynäkologie-Barbie nebst entsprechendem Praxisinterieur für 199 Euro zu kaufen, obwohl die das doch ganz dringend haben wollen. Ich packte also den Sellerie, verstaute ihn sicher in meinem Einkaufwagen und wandte mich gerade den Äpfeln zu, als das flennende Wesen aus dem Nebengang gelaufen kam. Ein kleines Mädchen, maximal 3 Jahre alt und offensichtlich in Panik, weil: keine Eltern.

Ein kurzer Blick nach links und rechts über die niedrigen Regale hinweg – tatsächlich, niemand in der Nähe. Na prima! Ohne groß nachzudenken, laufe ich auf die Kleine zu, gehe vor ihr in die Hocke, lächle sie aufmunternd an und frage: “Na, suchst du deine Mama?” Das Mädchen verstummt (zumindest ein bisschen), schaut mich an und murmelt irgendwas unverständliches. Tja, wat machsten jetz? Erst mal gucken und warten, ob jemand kommt, und dann am Besten ab zur Information, wo man sie dann ausru…

UUAAAAAAAAAAAAH!“, unterbricht ein Schrei von schräg-hinten links meine Gedanken, und ehe ich mich versehe steht eine Frau zwischen uns beiden, nimmt das Kind mit dem rechten Arm hoch und brüllt mir gleichzeitig mit max-Volume eine mir unbekannte Sprache ins Ohr, während sie mit der linken vorm Gesicht ‘rumfuchtelt. “Ah, sie sind die Mutter?”, frage ich mit meinem gewinnendsten Lächeln, aber sie brüllt einfach weiter. Nach einigen quälend langen Sekunden dämmern mir zwei Sachen: erstens – die mir unbekannte Sprache ist einfach nur extrem genuscheltes Hessisch und zweitens – die Frau ist wohl der Ansicht, ich solle bloß meine “Drecksgriffel” von ihrem Kind weglassen. Alle Versuche, sie über meine Version der Geschichte in Kenntnis zu setzen, werden von einem Schwall hessischer Schimpfworte überschwemmt und davongerissen. Nix zu machen.

Natürlich bleibt das Gezeter nicht unbemerkt, so dass innerhalb kürzester Zeit eine 17jährige Mitarbeiterin im blauen Mäntlchen erscheint. “Was ist denn hier los?” will sie wissen, und bevor ich auch nur einen Ton sagen kann, hat die überbehütende Mama schon die komplette Mär vom kinderfressenden Ralle runtergebetet. Und natürlich stimmt diese kleine pickelige Göre sofort mit ein in die Tiraden und droht damit, den Geschäftsführer zu holen, um mir ein Hausverbot erteilen zu lassen. Miststück! Ich weiß schon, warum ich keine Teenager mag.

Langsam glaube ich, ich bin im falschen Film – hey, immerhin bin ich nicht derjenige, der sein Kleinkind unbeaufsichtigt im Supermarkt rumrennen lässt! Ich drehe mich verzweifelt um, suche in Gedanken schon den geeigneten Fluchtweg: “Wenn ich nur schnell genug über den Grillkohlestapel hier springe, und an den Osterhasen vorbeikomme, könnte ich mich im Autoabteil hinter dem Scheibenwischerdisplay verstecken, bevor die beiden überhaupt raffen, was passiert ist…”

Doch so weit soll es gar nicht kommen, denn zu allem Überfluss erscheint plötzlich der Vater auf der Bildfläche. “Wasn hier los?”, schnauzt er uns an, und seine Alte beginnt, ihm haarklein zu erzählen, dass ich gerade drauf und dran war, ihre Tochter zu entführen. Der Vater dreht sich zu mir um, reckt die Schultern nach vorne und schaut mir in die Augen: “Stimmt das?” herrscht er mich an, und ich sage kleinlaut: “Nein, eigentlich nicht. Ihre Tochter stand hier ganz alleine im Gang, und hat geweint. Da…”

Oh shit! Hätte ich das vielleicht nicht sagen sollen? Scheißescheißescheiße! Dem Typ entgleiten die Gesichtszüge, er stampft ein Bein auf den Boden, holt tief Luft und…
…dreht sich zu seiner Frau um und fährt sie an: “ICH HAB DIR DOCH EBEN NOCH GESAGT, DASS DU AUF DIE KLEINE AUFPASSEN SOLLST, WÄHREND ICH MAL KURZ WAS GUCKE! BIST DU EIGENTLICH VON ALLEN GUTEN GEISTERN VERLASSEN?!”

Wow, damit hatte ich nicht gerechnet. Ihrem Gesichtsaudruck zufolge seine Frau wohl auch nicht. Und während sich klein Miststück-Pickelgesicht unauffällig in die Gemüseabteilung verkrümelt, dreht sich der Vater zu mir um und meint nur: “Danke. Damit wäre die Sache geklärt, oder?” – “Ja”, sage ich erleichtert und mache mich aus dem Staub, während ich hinter mir förmlich die Luft knistern hören kann.

Wie paranoid muss man denn sein? Sind wir echt schon so übersensibilisiert, dass man als Mann 5 Meter Sicherheitsabstand zu Kindern halten muss, um nicht Gefahr zu laufen, als Päderast belangt zu werden? Sind wir bald so weit wie in England, wo Väter nicht die Fußballspiele ihrer Söhne fotografieren oder im Flugzeug neben Kleinkindern sitzen dürfen? Vielleicht sollten sich einige Journalisten / Politiker mal überlegen, was sie mit der ständigen Panikmachedauerberieselung so lostreten…



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3 Antworten zu “Ralle unter Verdacht”

  1. Alex sagt:

    Verdammt. Das ist ja bis zu den entgleitenden Gesichtszügen des Vaters echt eine harte Geschichte. So schnell ist man der Kinderfänger vom Dienst und das, obwohl man nur das Beste wollte.

    Ach ja
    Scheiß Teenager!

  2. Thomas sagt:

    Wow… die Geschichte ist echt hart. Und ich stimm Dir voll zu, daß in den letzten zwanzig Jahren viel zu heftig gegen Männer gewettert wird, was deren Verhältnis und Umgang mit Kindern angeht.

    Unsere Gesellschaft ist halt völlig verkorkst und paranoid. Es laufen halt über Gewaltverbrecher und Perverse rum und wer am lautesten schreit, hat am meisten Recht.

    Ich hätte in der Situation allerdings nicht die Fassung bewahrt und hätte hart zurückgeschnautzt.

    Was lehrt uns diese Anekdote? Wenn man irgendwo ein verlorenes, weinendes Kind sieht, dann läßt man es besser im Regen stehen. Ignorieren und so.

  3. s'Julie sagt:

    Oh mein Gott, ist das hart! Ziehmlich harter Kontrast zu Amerika- da komm ich grade her und da sagt niemand etwas, wenn man sich mit Kindern beschäftigt- im Gegenteil, da wird einfach jeder auf ein Kind aufmerksam- ob nun die Eltern dabei sind oder nicht, da könnte so etwas gar nicht erst passieren, weil einfach jeder das Kind wahrnimmt… Mann, wo sind wir nur angekommen, das ist ja echt traurig! Kopf hoch, weniger Chantals und Kävins und mehr Aufmerksamkeit und Ralle ;)

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